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01.10.2026 | Jugend, Schule und Beruf

Pressemitteilung

Jugendhilfe ist eine Investition in die Zukunft – sie ermöglicht Integration und ist aktiver Jugendschutz

Die geplanten Änderungen in der Betreuung unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter und junger Erwachsener erfüllen  Geschäftsführung, Mitarbeitende des Internationalen Familienzentrum gGmbH  und hier insbesondere die Integrationshilfen für Jugendliche und junge Erwachsene, mit großer Sorge. Vorgesehen ist unter anderem, Unterstützungsleistungen für junge Volljährige stärker einzuschränken und unbegleitete Minderjährige ab 16 Jahren künftig in Großunterkünften statt in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe unterzubringen. Junge Menschen, Minderjährige wie Volljährige müssten die gesetzlich geregelte Fürsorge verlassen und so zu Care Leaver*innen werden. Aus unserer täglichen Arbeit mit Care Leavern*innen sowie unbegleitet eingereisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen wissen wir, welche Folgen diese Veränderungen für die Betroffenen und auch langfristig für unsere Gesellschaft hätten. Denn Jugendhilfe ist keine Sonderleistung, sie ist gesetzlicher Auftrag. Sie schafft die Voraussetzungen dafür, dass junge Menschen ihren Platz in der Gesellschaft finden, ihre Potenziale entfalten und ein selbstbestimmtes Leben aufbauen können. Damit ist sie aktiver Kinder- und Jugendschutz und zugleich eine Investition in unsere gemeinsame Zukunft.

Der reale Unterstützungsbedarf endet nicht mit dem 18. Geburtstag

Viele junge Erwachsene ohne Fluchtgeschichte können auch nach ihrem 18. Geburtstag auf ihre Familie zurückgreifen, genauso wie bei der Wohnungssuche, bei finanziellen Fragen und Behördengängen oder in persönlichen Krisen. Care Leaver*innen und insbesondere unbegleitet minderjährigen Geflüchteten fehlt dieses Familiensystem vor Ort häufig vollständig.

Daher können nach den Regelungen der Kinder- und Jugendhilfe Hilfen über die Volljährigkeit hinaus fortgeführt werden, wenn sie für die Persönlichkeitsentwicklung erforderlich sind. Gerade junge Menschen, die Krieg, Flucht und den Verlust ihrer Familie oder andere belastende Erfahrungen erlebt haben, benötigen diese Unterstützung häufig auch nach ihrem 18. Geburtstag. Ein abrupter Abbruch erschwert den weiteren Lebensweg daher erheblich.

In unserer Beratung erleben wir täglich, wie herausfordernd der Übergang in ein selbstständiges Leben ist. Neben der Suche nach Wohnraum müssen Aufenthaltsfragen geklärt, die Schule oder Ausbildung bewältigt, finanzielle Leistungen beantragt und zahlreiche Behördengänge organisiert und bewältigt werden. Gleichzeitig versuchen viele, in einem noch fremden gesellschaftlichen Umfeld anzukommen. Auch nach Jahren in Deutschland erleben wir Unsicherheiten und die Sorge bei den jungen Menschen, aufgrund der eigenen Biografie nicht dazuzugehören.

Fällt die Begleitung in dieser frühen Lebensphase weg, steigt das Risiko von Ausbildungsabbrüchen, Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit und sozialer Isolation deutlich. Hinzu kommen psychische Belastungen infolge von Flucht, Verlust und wiederholten Beziehungsabbrüchen. Der Wegfall einer vertrauten Bezugsperson kann bestehende Krisen verschärfen und bereits erreichte Fortschritte zunichtemachen. Die kontinuierliche Unterstützung ist deshalb kein Luxus, sondern eine Voraussetzung für einen erfolgreichen Übergang in ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben und ein wichtiger Schutz vor drohender Armut und Verelendung.

Minderjährige brauchen Schutz statt Verwaltung

Besonders kritisch bewerten wir die geplante Unterbringung unbegleiteter Minderjähriger ab 16 Jahren in Großunterkünften. Jugendhilfe bedeutet weit mehr als Unterkunft und Versorgung – oder anders gesagt: mehr als Brot, Wasser und Seife. Sie bietet verlässliche Beziehungen, Schutz und individuelle Förderung. Wir unterstützen junge Menschen beim Schulbesuch, bei der Ausbildungsplatzsuche, beim Erlernen der deutschen Sprache, im Kontakt mit Behörden und beim Aufbau sozialer Beziehungen. Diese Begleitung schafft Stabilität, fördert die Selbstwirksamkeit und ermöglicht letztendlich gesellschaftliche Teilhabe. 

Großunterkünfte dienen dagegen in erster Linie der Unterbringung. Aufgrund ihrer Strukturen und Betreuungsschlüssel kann die notwendige individuelle Förderung dort häufig nicht gewährleistet werden. Die Folgen sind absehbar: schlechtere Bildungschancen, erschwerter Zugang zu Ausbildung und Arbeit sowie ein erhöhtes Risiko für Isolation, Ausbeutung und erneute Gewalterfahrungen. Gerade nach belastenden Fluchterfahrungen brauchen Jugendliche Kontinuität und verlässliche Bezugspersonen – nicht wechselnde Zuständigkeiten.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass 16- und 17-Jährige, unabhängig von ihrer Herkunft, Minderjährige sind und den Anspruch auf einen besonderen Schutz und eine altersgerechte pädagogische Begleitung haben.

Kurzfristige Einsparungen verursachen langfristig höhere Kosten

Die Folgen einer geschwächten Jugendhilfe reichen weit über die Lebenssituation einzelner junger Menschen hinaus. Schlechtere Bildungsabschlüsse, Ausbildungsabbrüche und erschwerte Zugänge zum Arbeitsmarkt führen langfristig zu höheren Ausgaben für Sozial- und Hilfesysteme. Wohnungslosigkeit, gesundheitliche Folgekosten und soziale Ausgrenzung belasten die Gesellschaft zusätzlich, während dem Arbeitsmarkt dringend benötigte Fachkräfte verloren gehen.

Unsere tägliche Arbeit zeigt, dass eine verlässliche Jugendhilfe diesen Entwicklungen entgegenwirkt. Sie stärkt die Bildungs- und Berufswege der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, fördert Selbstständigkeit und ermöglicht ihnen, ihre Fähigkeiten einzubringen. Investitionen in Jugendhilfe sind deshalb keine Belastung, sondern gesellschaftlich und volkswirtschaftlich sinnvoll und ein Win-Win für alle Seiten.

Unsere Botschaft

Jugendhilfe ist eine Investition in gesellschaftliche Teilhabe, Solidarität und den Schutz junger Menschen. Der Unterstützungsbedarf endet nicht automatisch mit dem 18. Geburtstag – insbesondere dann nicht, wenn junge Menschen nach Flucht und Verlust ohne familiären Rückhalt ihren Weg ins Erwachsenenleben finden müssen. Ebenso brauchen 16- und 17-Jährige Schutz, Förderung und pädagogische Begleitung statt einer Unterbringung, die sich auf Verwaltung und Versorgung beschränkt.

Die aktuelle Debatte darf deshalb nicht allein unter dem Gesichtspunkt kurzfristiger Einsparungen geführt werden. Sie entscheidet darüber, welche Chancen wir jungen Menschen eröffnen und welche Verantwortung wir als Gesellschaft übernehmen. Wer heute an notwendiger Unterstützung spart, riskiert morgen deutlich höhere menschliche und gesellschaftliche Folgekosten.